Die schöne Magdalene

Norddeutsches Märchen

Es wohnte einmal in einem einsam liegenden Wirtshaus eine Wirtin, die war Witwe und hatte eine Tochter, die hieß die schöne Magdalene. Magdalene war so hübsch im Gesicht, dass sich bald ein Liebster aus der Stadt einfand. Der wollte das Mädchen sobald als möglich heiraten, aber die Mutter, die noch in ihren besten Jahren war, hätte den Bräutigam gern selbst genommen, und weil er nun immer so gern mit den schönen runden Armen ihrer Tochter spielte, so entschloss sie sich kurz und besprach sich mit dem Scharfrichter, dass der der schönen Magdalene die Arme abhauen solle, um sie dem Bräutigam dadurch zuwider zu machen.

Die Mutter führte nun die Tochter in einen Wald, wo der Scharfrichter auf sie lauerte und der schönen Magdalene beide Arme abhackte. Während nun der Scharfrichter noch mit der Mutter die beiden runden Arme der schönen Magdalene im Rasen verscharrte, lief die von ihnen fort und schwor sich, nie und nimmer wieder vor ihrer Mutter Augen zu kommen. So ging sie unter großen Schmerzen in der Waldung weiter.

Endlich kam sie aus dem Wald heraus und gelangte an einen hohen Berg. Sie stieg hinauf, da erblickte sie oben ein Schloss und einen großen Schlossgarten. Sie ging auf das Schloss zu und suchte, in den Schlossgarten zu gelangen, kam auch endlich über den Zaun und in den Garten. Als sie da herum­ging, stand der Prinz vor dem Fenster im Schloss und sah ihre Schönheit, bemerkte aber zugleich, dass sie keine Arme hatte. Er rief seine Mutter herbei und sagte: »Ei, Mutter, sieh ein­mal, was für ein schönes Weib in dem Garten ist, aber es hat keine Arme!«

Die Königin sah nun auch vom Fenster das schöne Mädchen ohne Arme in dem Garten herumflattern wie einen prächti­gen Schmetterling. Weil sie nun auch gewahrte, dass ihr Sohn ein Auge auf sie hatte, so sprach sie: »Geh, und hole das Mädchen zu uns herauf aufs Schloss.« Da ging der Prinz zu ihr in den Schlossgarten.

Als das Mädchen nun sah, dass der Prinz auf sie zukam, wollte sie entfliehen. Aber der holte sie ein und nahm sie mit sich aufs Schloss. Nun fragte des Prinzen Mutter sie aus, wo sie ihre Arme verloren habe und woher sie käme. Weinend erzählte sie alles, was mit ihr geschehen war, und der Prinz verliebte sich in sie, bekannte auch gegen seine Mutter, dass die schöne Magdalene seine Geliebte werden sollte. Die Mut­ter aber liebte ihren Sohn sehr, und weil sie sah, wie schön das Mädchen war, willigte sie sogleich ein, stellte die Hochzeit an und ließ ihren Sohn zum König krönen.

Sie lebten nun sehr glücklich miteinander, aber bald musste der junge König in den Krieg ziehen.

Unterdessen gebar die schöne Magdalene einen kleinen Prin­zen. Die Mutter des Königs, die darüber sehr fröhlich war, wollte ihm diese Nachricht mitteilen, schrieb einen Brief und schickte damit ihren treuen Diener ab. Der Diener kam unglücklicherweise in das nämliche Wirtshaus, aus dem die schöne Magdalene stammte. Die Wirtin, die noch immer keinen Mann bekommen hatte (denn der Bräutigam ihrer Tochter war ihr nicht wieder ins Haus getreten, seit diese verschwunden war), fragte ihn nach ihrer Gewohnheit sehr genau aus und merkte aus seinen Reden von der Königin ohne Arme, dass aus ihrer Tochter eine Königin geworden war.

Sie gab dem Bedienten einen Schlaftrunk in den Wein, nahm seine Briefschaften, erbrach sie und schrieb einen falschen Brief an den König, dass seine Frau einen jungen Pudelhund geboren hätte und dass sie selbst, die alte Königin, vor dem Winseln des Hundes in der Nacht nicht schlafen könne. Der Prinz aber freute sich doch darüber, dass sie geboren hatte, und schrieb sogleich an seine Mutter, sie möchte seine Ge­mahlin gut halten und gut bewirten, bis er wieder nach Hause käme und den jungen Hund, den möchte sie aufbewahren.

Der Knecht kehrte auf dem Rückweg auch wieder bei der alten Wirtin ein. Die war neugierig, was der König auf den Brief geantwortet habe, gab ihm wieder einen Schlaftrunk in den Wein, und als er fest schlief, erbrach sie zum zweiten Male seine Briefschaften. Da schob sie dann wieder einen falschen Brief unter, darin stand, dass die Mutter von Stund an seine Gemahlin verweisen möge. Wolle sie nicht fort, so würde er sie bei seiner Rückkehr von Schinderhand fortbrin­gen lassen, denn er habe sich eine andere Gemahlin erwählt, die er mitbringen würde.

Die alte Königin war sehr traurig, als sie den Brief erhielt; die junge Königin aber wurde neugierig und ließ nicht ab, bis ihr die alte Königin erzählte, was ihr Sohn geschrieben habe. Von Stund an wollte die schöne Magdalene aus dem Schloss fort, die alte Königin aber musste ihr das Kind in ein Gewand wickeln und auf den Rücken binden. So zog sie wieder aus in die weite Welt.

Nach einiger Zeit kam sie wieder in einen dichten Wald, wo zur Seite sich ein Tal ausdehnte. Ihr Kind, das sie auf dem Rücken trug, wimmerte, und sie konnte es nicht stillen, denn sie vermochte es mit dem Armstumpf nicht zu halten. Da vernahm sie ein furchtbares Brüllen ganz in ihrer Nähe, und sie sah, dass es ein Löwe war. Der hob die Pfote auf, als er sie erblickte, und dann merkte sie, dass er sich einen Dorn in den Fuß getreten hatte. Da öffnete sie mit dem Munde das Bün­del, worin sie das Kind auf dem Rücken trug und ließ es neben sich zur Erde niedergleiten.

Die schöne Magdalene kniete vor dem Löwen nieder und wollte mit dem Munde dem Löwen den Dorn aus dem Fuße ziehen, aber es gelang ihr nicht. Da hörte sie plötzlich eine Stimme. Sie sah sich im Wald um, erblickte aber niemand und hörte auch nichts mehr. Bald ertönte die Stimme von neuem, und nun vernahm sie deutlich die Worte: »Schöne Magdalene, geh hinunter ins Tal, setze dich auf die Knie ins Wasser und tauche deine Schulterblätter hinein, so wirst du deine Arme wieder erhalten.« Die schöne Magdalene musste nun ihr Kind neben dem Löwen hegen lassen.

Wie sie hinabkam, hörte sie schon das Wasser im Gebüsch rieseln. Sie kniete darin nieder und tauchte ihre Schulterblät­ter hinein, und wie sie diese herauszog, saßen ein paar runde schöne Arme daran. Da eilte sie zu ihrem Kind, dass der Löwe unterdessen wie ein Erzengel bewacht hatte. Zuerst hob sie das mit den Armen auf und reichte ihm die Brust, und der Löwe harrte geduldig, bis sie es gesäugt hatte. Dann aber legte sie es wieder auf den Boden nieder und zog dem Löwen den Dorn aus der Pfote. Hierauf nahm sie ihr Kind wieder auf den Rücken, ging am Wasser herunter, der Löwe schritt nun immer hinter ihr und dem Kind her und folgte ihr auf den Fersen.

Magdalene suchte wiederum das heilsame Wasser im Tal auf, in das sie ihre Schulterblätter getaucht hatte, denn sie meinte, es werde sie zu einer menschlichen Wohnung führen. Als die Nacht hereinbrach, da kam sie vor ein Haus, da ging sie hinein, und darin standen zwei Stühle und ein gedeckter Tisch mit Speise. Als sie sich etwas erholt hatte, kam ein weißes Männchen, dem graute gewaltig vor dem Löwen, denn der lag der schönen Magdalene gerade zu Füßen. Die schöne Magdalene rief ihm zu, vor dem Löwen brauche er sich nicht zu fürchten, da trat das weiße Männchen näher und fragte sie, woher sie käme. Sie aber verhehlte nicht, was sie erlebt hatte. Da erklärte das weiße Männchen, sie solle dort bleiben, und es wolle schon für sie Sorge tragen. Wenn sie Hunger habe, solle sie nur sagen:

»Tischchen decke dich, Gläschen fülle dich« -so würde alles ankommen, was nur ihr Herz begehre. Das tat sie auch, und so oft sie es sagte, kamen die leckersten Speisen und die kostbarsten Weine, und obendrein stand noch etwas Marzipan auf dem Tisch. So lebte sie einige Zeit in dem Haus und war dort ganz einsam, denn das weiße Männchen war meistens auswärts. Unterdessen kam ihr Gemahl wieder aus dem Krieg und vernahm alles, was mit ihr geschehen war. Nun stellte der König, der um seine Magdalene keine Ruhe hatte, eine große Jagd an, hatte auch selbst das Glück, am Abend in jenem Haus das Licht schimmern zu sehen, nachdem er sich von seinen Dienern und Gefährten verirrt hatte. So kam er vor das Haus, klopfte an, und die schöne Magdalene erkannte ihn sogleich an der Stimme. Allein der Löwe wollte nicht, dass der König zu der jungen Frau hereinkäme. Da schlug sie den Löwen, da wurde er still, und der König trat herein. Der fragte, woher sie sei und warum sie in diesem kleinen Haus wohne. Sie aber bekannte alles, was mit ihr geschehen war. Da erkannte der König sie als seine Gemahlin und war voller Freude, dass mit der schonen Magdalene ein Wunder geschehen war und dass sie ihre Arme wieder erhalten hatte und nun erst eine rechte Frau mit zwei schönen runden Armen aus ihr geworden war.

Die Arme küsste er ihr inbrünstig, und dann küsste er die Königin sehr auf den Mund, und so trieben sie es lange.

Die erste Nacht blieb der König mit seiner Frau in dem Haus des weißen Männchens. Am ändern Morgen nahm er sie und zog mit ihr nach seinem Schloss, und da ging der Löwe majestätisch mit zu Hofe. Mit seiner Mutter aber berat­schlagte der König, was wohl die alte Wirtin für einen Tod sterben solle. Die schlug vor, sie solle in eine Tonne gesteckt werden, die sollte mit Nägeln ausgeschlagen und dann den Berg hinabgerollt werden. Und so ist die Alte in der Tonne den Berg heruntergerollt, und die Raben, die es sahen, riefen:

»Krack! Krack!« Damit wollten sie sagen: Es geschähe ihr recht.

Der König aber schickte sein ganzes Hofgesinde aus nach den kostbarsten Armspangen, die nur auf der Welt zu haben seien. Da brachte ein Page das Kostbarste, was an Armspangen je gesehen war, und das legte der König selbst um ihre Arme. Das Beste war aber doch, dass die Königin ihren Mann nun auch ordentlich wie eine andere Frau in den Arm nehmen konnte.